HORTENSE von GELMINI - Orchesterdirigentin

 

Interview von Birgit  Salomon (Deutsche Welle) mit Hortense von Gelmini

 

Aufnahmedatum: 20.04.1989

 

 Musik: Bruckner „Nullte Symphonie“, 1. Satz

 

Salomon: Frau von Gelmini, Dirigentinnen sind in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch immer eine Seltenheit und als Sie Ende der sechziger Jahre Ihre Dirigentenkarriere begannen, war es zudem für eine Musikerin noch weniger selbstverständlich als heute, Dirigentin zu werden. Wie kamen Sie da zum Dirigieren?

 

 

 

Ich bin von Kind an gesegnet mit einer großen Musikalität und zwar auch im Bereich Komposition. Ich hatte ein vitales Vorstellungsvermögen, geistige Dinge in die Welt des Klanges zu übertragen, sehr viel programmatische Musik mit Spannweiten zwischen Himmel und Erde, wenn man das so sagen kann, zwischen Gott und den Menschen. Diese Ausdruckskraft brachte auch den Gedanken mit sich, die Fülle der Klangindividualitäten zu vereinen, also orchestral zu empfinden, orchestral zu denken.

 

 

 

Frau von Gelmini, Sie sind ja nicht nur Dirigentin, sondern haben sich in Ihrem Buch „Einblicke“, das vor acht Jahren erschienen ist, als Zeitkritikerin, als Philosophin, Dichterin und Malerin vorgestellt. Besteht für Sie eine Art Wechselwirkung zwischen diesen einzelnen, ich sage mal, Berufen?

 

 

 

Nun, das klingt zunächst ja auch sehr gewaltig, wenn man jetzt hört, was die alles getan hat, die Frau da. Ob das wirklich mit normalen Dingen zugeht oder ob das irgendwelche Überhäufungen von Lorbeeren seien. Ich glaube, das Ganze - und das ist wichtig, dass man das weiß - das Ganze ist eine sehr schlichte Angelegenheit und eben nicht eine Anhäufung von Gaben oder Ehrgeiz oder ähnlichen Dingen, sondern es ist so schlicht wie die Fülle, in die der Mensch durch sein Wesen gestellt ist. Er hat nun mal Augen, Ohren, Mund, Herz und noch vieles mehr, um lebensfähig zu sein. Und ich glaube, ein großes Potential war in meinem Leben oder ausschlaggebend, dass ich diese Gaben, die da sind -  also Augen, Ohren, Mund und Herz sozusagen -  eben in der Wahrnehmung ganz schlicht lassen konnte und damit eigentlich auf ein hohes Maß des Sehnens nach Vollendung hin ausgestreckt geblieben bin. Und da liegt eigentlich die Antriebskraft zu größeren Denkleistungen, zu intensiveren Auseinandersetzungen mit dem Klang oder mit der Sprache oder mit dem Sehen, dem Schauen. Das sind eigentlich ganz einfache Wachstumsprozesse, die aus dem Menschen heraus dann entstehen können, wenn er dazu offenbleibt. Aber das Offenbleiben wiederum, das ist die Arbeit, die er leisten muss, denn sich zu-verbarrikadieren -  mit irgendwelchen Schutzmaßnahmen, sagen wir wissenschaftlicher Natur, beruflicher Natur, ehrgeiziger Natur in irgendeinem gesellschaftlichen Sinne - sich zu-verbarrikadieren, das ist eigentlich die leider Gottes sehr übliche Weise, sein Leben zu gestalten und damit eigentlich zu verschließen diesem großen Auftrag, dass wir weiterkommen, als wir aus eigener Kraft können.

 

 

 

Salomon: Heißt das eigentlich auch, dass diese unterschiedlichen künstlerischen Anschauungen wie das Malen oder das Dichten, auch das Komponieren, dass das eigentlich ein Ganzes ist und gar nicht unbedingt so zu trennen ist?

 

 

 

Sie sagen es wirklich richtig, dass der Begriff „trennen“ in diesem menschlichen Kreislauf der Gaben eigentlich gar nichts zu suchen hat, denn sobald getrennt wird, erleidet das Lebenselixier - der Inhalt, die ursprüngliche Antriebskraft , dass etwas in die Form gelangen soll -  erleidet eben dann Abbruch und diesen Abbruch spürt man dann. Man würde spüren in der Musik, wenn derjenige, der sie macht, nicht zum schauen sich befähigt sich fühlt und dafür nie etwas getan hat. Man spürt in der Musik, wenn ein Mensch zu wenig gedacht hat. Man spürt in der Malerei, wenn ein Mensch nie etwas über die Ohren in seinen Geist hat kommen lassen, was den Klang betrifft. Also, ich glaube, dass eben, sobald getrennt wird – wir denken aber in trennenden Kategorien, wir Menschen denken wirklich, es gäbe mehrere Möglichkeiten, die man voneinander entfernt halten müsste, um was Gutes oder Richtiges zu leisten – dann leidet es Schaden.

 

 

 

Salomon: Was ist eigentlich Interpretation für Sie?

 

 

 

Interpretation, wenn sie auch nur einigermaßen sinnvoll ist: dass man dieses tut, heißt, dass das Werk, das ein anderer erstellt hat in der Form, auch an diesem Bereich erfasst werden muss. Erfasst werden muss mit der ganzen Kraft, die jetzt gerade vorhin angesprochen war, der Fülle der Gaben des Wahrnehmens. Eben nicht nur bei einem musikalischen Werk über die Ohren, sondern eben auch über große Kategorien des Geistes, des Denkens, der Anschauung, der Weltanschauung und so weiter und so fort. Dass da zunächst einmal Rechnung getragen werden muss, ob dieses Werk diese Dinge erfüllt und dann die Seite des Temperaments, die Seite der Individualität, des Hineinschenkens, Überzeugens, dass ich diese Dinge tragen und ertragen kann, die dieser andere Komponist hingestellt hat. Die müssen ausgelitten werden, da ist es eine höchstpersönliche Auseinandersetzung, aber zeugnisgebende Auseinandersetzung. Man darf sich also dem Werk auch nicht verweigern aufgrund formaler Erkenntnisse und sich so weit zurückziehen, dass zum Schluss nichts mehr da ist als das Gerippe. Das hieße, man hätte ein Skelett hingestellt ohne Fleisch drumrum. Oder man hat ein Fleisch hingestellt und das Skelett und das Herz drin fehlt oder das Hirn drin fehlt. Es darf eben in Wahrheit nichts fehlen.

 

 

 

Salomon: Wenn Sie dirigieren, was ist für Sie eine angemessene Schlagtechnik in Bezug auf ein Werk?

 

 

 

Ja, die Schlagtechnik, das ist eigentlich eine ganz direkte Verbindung zum menschlichen Stil, zum Singen, zum Atmen. Ich glaube, ein einigermaßen begabter, sich selbst reflektierender, beobachtender Mensch bewegt sich, wenn er sich sinnvoll bewegen will, mit jener Gradlinigkeit, die sein Atem mit sich bringt. Er wird sich also nicht asthmatisch bewegen, wenn es um Musik geht, sondern er sollte sich eben entsprechend dem Klanggebilde singend, atmend bewegen. Dann ist auch die bestmögliche Reduktion auf Bewegung möglich. Was sehr wichtig ist, ist dass man Überflüssiges vermeidet - Staubaufwischerei verwischt auch den Klang. Dass man fast nichts tut in der äußeren Bewegung, weil viel geatmetes musikalisches Gedankengut eben eine unglaubliche Transparenz hat, weil es scheinbar schwebt. Also, ich glaube, für eine gute Schlagtechnik ist es wichtig, abgesehen von den paar doch recht einfachen Grundbegriffen, dass diese organisch eingesetzt werden in dem Anteil, den die Musik zum Musikalischen hin hat: das ist der Gesang, das ist das atmen und singen und darin das Ausloten von Gestik.

 

 

 

Salomon: Wie schätzen Sie die heutige Situation für den Dirigenten ein vor allem angesichts der Entwicklung der Medien des Fernsehens, der CD-Schallplatte?

 

 

 

Der Dirigent ist heute sehr viel notwendiger im ursprünglichen Sinne denn je. Nur: es gibt ihn kaum, den Dirigenten, den wir heute brauchen. Das wäre der, der in der Lage ist, auf einer sehr großen Geräuschkulisse unseres Jahrhunderts ein Fundament aufzubauen, das aus der Stille kommt. Das heißt, die Fähigkeit besitzt, die Musik - die große Musik, die sogenannte „klassische“ Musik, die Musik, die sich mit der Spannweite Mensch-Gott auseinandersetzt - auf den Boden, auf den kristallinen Boden der Integrität zu stellen. Das heißt: derjenige, der Musik ins Darstellerische hineinbringt, in die Wahrnehmung hineinbringt, müsste auch in der Lage sein, gegen die Perversion des Klangs in den Bereich des Geräusches hinein sich zu verweigern und aufzubauen auf der Dimension, auf der jeder Klang aufbaut, auf  der Stille, und in die er auch wieder zurück führt.

 

 

 

Salomon: Frau von Gelmini, in den siebziger Jahren, als Sie international bekannt wurden, hat man Sie oft in den Medien als Deutschlands einzige Dirigentin oder auch als einzige deutsche Dirigentin von Format bezeichnet. Welche Erfahrung haben Sie in dieser Position damals mit Musikern und Veranstaltern gemacht?

 

 

 

Diese Charakterisierung deutet ja schon auf das Äußere und auf das Spektakuläre hin, was im Übrigen gar nicht stimmte, denn es waren immer Frauen da, die  - auch zur gleichen Zeit, auch sicherlich mit großem Erfolg, sogar internationalem Erfolg -  versucht haben, zu dirigieren. Das ist eine sehr oberflächliche Augenwischerei gewesen, die mich auch immer merkwürdig berührt hat. Meine Erfahrungen aus der damaligen Zeit waren, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin, in sich kein Problem dargestellt hat während der Arbeit, aber dass die „Verpackung“ sozusagen in den Presseorganen und in den Medien sich nur um diese Möglichkeit des ins-Auge-nehmens gekümmert hat oder wesentlich gekümmert hat. Allerdings das Faszinosum „Was kommt für eine Musik heraus“, das ist ein Ereignis gewesen, an dem auch diese Medien nicht vorbeispaziert sind insofern, als sie es wahrgenommen haben, sogar gewürdigt haben, auch wenn sie es weit unter Niveau gewürdigt haben, denn das war nicht der Aspekt meiner Musik, dass ich eine Frau bin.

 

 

 

Salomon: Frau von Gelmini, Sie haben vor einigen Jahren mit dem Dirigieren aufgehört und haben sich, wie ich jetzt sehen durfte, der Architektur, der Malerei und auch der Komposition gewidmet. Wie kam es zu diesem Schritt?

 

 

 

Die Komposition, die lag ja schon meinen frühesten Jugendjahren wirklich als Gabe Gottes auf dem Tisch, muss man fast sagen. Die Malerei kam sehr spät dazu gerade aufgrund des Suchens nach dieser Integrität. Es ist mir nach wie vor wichtig, lieber etwas zu unterlassen als etwas zu tun, das der Frage der Wahrhaftigkeit merklich widerspricht. Also, mir liegt dran kurzum, die Wahrheit, die sehr schnell über die Lippen kommt, mit der Wahrhaftigkeit zu vereinen und das macht alle schöpferischen Ideen und Horizonte dann doch sehr konkret.

 

 

 

Salomon: Und denken Sie, dass Sie irgendwann doch noch einmal zu dirigieren anfangen oder dass Sie teilweise noch dirigieren werden?

 

 

 

Ich könnte mir vorstellen, dass es ein großes Geschenk wäre, mit einem Orchester in jenem Sinn zu arbeiten, dass es profund arbeitet an den Aussagen, die uns zutiefst alle gemeinschaftlich, ob wir glauben oder nicht, umtreiben und bewegen und nicht in Ruhe lassen, nämlich an der Frage der Vollendung, an der Frage des Daseins in der Vollendung als Ziel. Ich glaube, ein Orchester, das bereit wäre, in dieser Dimension zu arbeiten – und ohne Arbeit geht es nicht – das auf der Spurensuche nach der Wahrhaftigkeit ist und nicht nur auf ein Gewühle von verschiedenen Assoziationen aus ist, die möglichst originell und abwechslungsreich sind. Das wäre eine Arbeit, die sicherlich getan werden muss und die ich, wenn sie im Raum steht, wenn sie auf mich zukommt, auch tun werde.

 

 

 

Salomon: Für Sie würde ich sehr hoffen, dass Sie ein solches Orchester finden.

 

 

 

Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen und wir haben beide ja schon ein Gespräch hinter uns und Musik gehört und Musik gemacht, so dass das Ganze sicherlich viel mehr konkrete Konturen hat als jetzt dieses kurze Interview.

 

 

 

Salomon: Vielen Dank für dieses Gespräch (anschließend: Bruckner „Nullte“, letzter Teil des Finale)