Hortense von Gelmini – Orchesterdirigentin von Format

 

 

Vor einem halben Jahrhundert, 1969, begann das öffentliche Wirken der damals erst 22-jährigen Hortense von Gelmini. Medien bezeichneten sie bald international als erste deutsche Orchesterdirigentin, als Symphonikerin „von Format“. Welche Sensation ihr Auftreten damals auslöste, kann man angesichts der heutigen Zahl von Dirigentinnen schwer nachvollziehen. Was bleibt, ist der Maßstab, den ihre Musik – und ihr Denken darüber – gesetzt haben.

 

 

Die Stiftung hat eine Dokumentation mit ausgewählten Zitaten aus zeitgenössischen Rezensionen und Presse-berichten erarbeitet. Dazu wurden sämtliche (Fernseh-, Radio- und Presse-) Berichte im Stiftungsarchiv ausge-wertet und die aussagekräftigsten Passagen nach Themenschwerpunkten zusammengefasst – als unkommentierte Dokumentation, die veröffentlicht werden soll. Lesenswert sind vor allem die Interview-Antworten, die Hortense von Gelmini zu ihrer Dirigenten-Tätigkeit, ihren Musikinterpretationen, ihrer Zusammenarbeit mit Orchestern spontan gibt. Sie ergänzen wirkungsvoll ihre Essays „Musik und Macht – Phänomen in Schwingungen“ in ihrem Buch „Einblicke“.

 

Hortense von Gelmini als „orchestrale“ Musikerin hat keine Laufbahn an Opernhäusern eingeschlagen. Sondern nach ihrem umfassenden Musikstudium konnte sie sich mit dem von ihr gegründeten „Orchestra Gelmini“ – teils gefördert durch die Schweizer Mäzenin Elise Küchlin – sogleich durch Konzerte Anerkennung verschaffen. Aufgrund ausgezeichneter Kritiken bekam sie daraufhin Einladungen zu Gastdirigaten bei renommierten Sym-phonieorchestern. Überall gelangen Hortense von Gelmini viel besuchte Konzerte, die – wie ihre Schallplatten  hervorragend rezensiert  wurden. Frühe Erfolge, Jugend, Herkunft und Aussehen erregten auch die Aufmerksamkeit der Massenmedien – mit allen Begleiterscheinungen. Auch das Echo von Publikum und Presse auf das Phänomen Hortense von Gelmini sind exemplarische Zeitzeugnisse, die nicht verloren gehen sollen.

 

(Ein mit hervorragenden Fotos umrahmter Bericht im „Zeit-Magazin“ 1976 z.B. wird noch heute als Beispiel für Sexismus gegenüber Dirigentinnen zitiert: Rainer Schmitz u. Benno Ure: „Tasten, Töne, Tumulte – Alles was Sie über Musik nicht wissen“, 2016, S. 844)

 

Hortense von Gelmini setzte hohe Maßstäbe mit ihrer Musikinterpretation und ihrer Orchesterarbeit. Dafür scheute sie, wenn es sein musste, keine Konflikte. Klare Werkvorstellungen, dirigentisches Können und  menschlicher Umgang verschafften ihr Autorität. Angesichts der damaligen Emanzipationsbewegung stellte man ihr Fragen zur Rolle der Frau als Orchesterchefin. Dabei verwies sie immer wieder auf die geistigen und Begabungs-Voraussetzungen für den Dirigentenberuf. Sie selbst ist das beste Beispiel für die Gestaltungskraft der Frau, wenn sie ihrer Berufung folgen kann. Inmitten aller Publizität wollte sie nichts anderes, als große Musik machen.

 

Hortense von Gelminis musikalische Begabung vereint Fähigkeiten in einer seltenen Kombination: vitales Musikan-tentum und analytisch formenden Musikverstand, sensible Gemütstiefe und monu-mentale Gestaltungskraft, technisches Können und durchgeistigte Werkvorstellung  – kurzum: sie war schon in ihrer Jugend eine ausgereifte schöpferische Musiker-Persönlichkeit, eine wahre „Maestra“. Das befähigt sie z.B. zur gültigen Interpretation der Symphonien von Anton Bruckner. Gern hätte sie weitere Symphonien mit einem guten Orchester erarbeitet, doch ergab sich das nicht mehr. Als gleichermaßen berufene Denkerin, Dichterin und Malerin – mit eigener Familie – hatte Hortense von Gelmini längst begonnen, auch auf diesen Gebieten Bedeutendes  zu leisten.

 

Wer die Musik von Hortense von Gelmini (er-) kennt, wird noch heute sehr bedauern, dass diese hoffnungsvolle erste deutsche Dirigentinnen-Karriere schon nach 11 Jahren auslief und dass es nicht mehr Aufnahmen von ihr gibt. Glücklicherweise erklingen ihre Schallplatteneinspielungen und einige Konzertmitschnitte (in der Spanne vom Barock bis zur klassischen Moderne) weiter. Sie sind das bleibende Pionier-Zeugnis einer universell Berufenen.